erschienen in der Kolumne „Zwischen Menschen“, taz. die Tageszeitung, 7.6.2018

Ich spüre einen Menschen, den ich nicht kenne. Der Körper der Frau quillt über die Sitzlehne zu mir hinüber. Sie isst Schokolade, so schnell, als müsste sie etwas hinter sich bringen. Wir sitzen nebeneinander im Zug nach Hamburg. Ich bin müde und finde keine Position zum Schlafen. Am liebsten würde ich meinen Kopf an ihre weiche Schulter lehnen.
Auf einmal hält sie mir die zweite Hälfte eines Schokoriegels hin. XXL steht auf der Verpackung. „Hier. Nimm.“ Ich bedanke mich und fange auch an zu kauen. Als hätte ich damit eine Prüfung bestanden, beginnt sie zu reden: „Ich esse immer Schokolade“, sagt sie. „Immer, wenn ich Stress habe. Ganz viel, ganz schnell und nachher denke ich: Was hast du getan?“

Ihr Deutsch ist gebrochen, zwischen ihren Schneidezähnen hat sie eine Zahnlücke. Nett sieht das aus. Ihre Augen liegen warm hinter Brillengläsern. „Haben Sie denn jetzt Stress?“ Sie nickt. „Ich komme gerade von zu Hause. Kenia: Kitale, Mombasa, Nairobi und jetzt wieder hier. Ich habe Sonnenbrand.“ Sie fasst verwundert in ihr Gesicht: „Es spannt. Schau!“ Ihre Haut ist auf den Wangen rötlich-schwarz gefärbt. „Ich bin die Hitze nicht mehr gewohnt.“

Sie lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Mit einem Touristen ist sie gegangen. „Damals war ich ganz dünn. In meiner Familie in Kenia sind alle schlank. Meine Cousinen haben gelacht, als sie mich wiedergesehen haben. Wie dick du geworden bist! Das ist nicht gut, meinte meine Mama.“ Sie lacht, wie um die Ungeheuerlichkeit zu ertragen. Dass sie in der Fremde dick wurde und nun ihren Nächsten fremd ist: „Ich bleibe immer dein Kind Mama, habe ich gesagt. Egal, wie ich aussehe.“

Sie zeigt mir ein Foto auf ihrem Handy. Wir müssen beide spontan lachen: Sie sitzt in grauen Hosen und schweren Schuhen breitbeinig auf einem Gabelstapler. „Ich sehe aus wie ein Tier. Wie ein Elefant. So grau und groß.“ Sie erzählt, dass sie als Gabelstaplerfahrerin im Lager arbeitet. Die einzige Frau unter Männern. „Den ganzen Tag fahren. Ich bewege mich nicht. Das macht dick.“ Sie schaut das Bild an. „Wie ein Tier“, wiederholt sie.
Sie hält sich die Hände vors Gesicht und lacht, dann hält sie abrupt inne: „Ich muss nach Hause.“ Ein Satz wie ein lauter Gedanke, ein unmittelbares Gefühl. Die Erkenntnis, dass sie im falschen Film steckt, dass das Leben, zu dem sie gerade zurückkommt, nicht ihr Leben ist. Zu Hause ist Kenia. Sie hat sich an kaltes Klima, an ein schweres Selbst gewöhnt. Doch sie, sie ist noch mehr. Ihr Fett, das um sie hängt, das ist ihr deutscher Kummer. Es gibt noch andere Möglichkeiten von ihr. Und die hat sie gerade zu Hause wiederentdeckt.

„Ich will eine Wohnung bauen in Kenia“, sagt sie. „Das geht für 7.000 Euro. Aber ich bin jetzt Deutsche. Ich kann nur noch mit Visum zurück, als Touristin.“ Ich stelle mir vor, für die eigene Heimat einen Visumantrag stellen zu müssen. Nicht gern dort zu sein, wo man lebt, aber auch nicht dorthin zu können, wohin man will.

„Es war schön, so schön.“ Es wirkt, als hätte sie ihr Land selbst neu kennenlernt. „Unsere Amtssprache ist Swahili und Englisch“, sagt sie. „Swahili kann ich immer noch, auch meine Kinder. Mein Mann nicht. Deswegen will er nicht nach Kenia. Aber wenn ich in Rente bin, dann gehe ich.“ Sie zeigt ein Bild von einem weiß-roten Holzhaus: „Ich habe Mama ein Haus gebaut, darum ein Feld und Ziegen. 500 Euro schicke ich jeden Monat. 250 gibt mein Mann, 250 ich.“
Auf dem Feld wachsen in geraden Linien grüne Pflanzen. „Das ist Mais. Mama ist fertig“, sagt sie. Es klingt nicht stolz, es klingt selbstverständlich. Sie hat ihre Mutter versorgt. Aus Deutschland heraus, als Gabelstaplerfahrerin.

Ich sehe das Grün, die Sonne, die Farben eines anderen Lebens. „In Kenia essen wir gesund“, sagt sie. Viel Gemüse und Obst, nur einmal die Woche Fleisch. Dort wäre ich nicht dick.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich muss nach Hause.“
Ich denke an all die Schokolade, den ganzen Kummer, den sie mit sich trägt. Ich werde auf einmal traurig. Als spürte ich alle Sehnsucht, die sie auch mit hundert Schokoriegeln nicht stillt, nun in mir, als hätte ich sie mit ihrer Schokolade hinuntergeschluckt. Sie schaut mich an. Wie um uns beide zu trösten, sagt sie dann: „Noch eine Woche. Noch eine Woche brauche ich. Dann bin ich wieder deutsch.“

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Foto (Symbolbild): © Christa Pfafferott

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